Zusammentreffen

Wenn ich durch die Stadt gehe, so pflege ich das zumeist mit gesenktem Kopf zu tun.
Zum einen, weil man aufpassen sollte, wohin man tritt (von Tierexkrementen bis hin zu diversen Lebensmitteln liegt da ja alles rum), zum anderen, weil man immer irgendwelchen Bekannten begegnet, man aber weder Zeit noch Lust hat sich mit diesen auseinander zu setzen.
Läuft man aber mit gesenktem Kopf, so kann man immer noch so tun als wäre man viel zu sehr in Gedanken vertieft um irgendetwas oder irgendjemanden zu bemerken.
Das funktioniert allerdings nur, wenn besagte Bekannte sich damit zufrieden und aufgeben.
Bleiben sie hartnäckig, so hat man keine andere Wahl als sich auf ein Gespräch ein zu lassen, denn spätestens wenn dir jemand wild mit der Hand vor dem Gesicht herumfuchtelt kannst du nicht so tun, als würdest du ihn nicht sehen. Das ist doch sehr unglaubwürdig, und man will es sich schließlich auch mit niemandem verscherzen.
Man ergibt sich also seinem Schicksal, wendet sich der Person zu, setzt einen überraschten Gesichtsausdruck auf und ruft aus: „Oh! Dich hab ich ja gar nicht gesehen!“. Für den Fall, dass man gerade Musik gehört hat, deutend man entschuldigend auf die Kopfhörer und erntet dafür zumeist ein verständnisvolles Lächeln.
Nun wirft das Gegenüber eine Floskel ein wie: „Wir haben uns ja ewig nicht mehr gesehen!“, dicht gefolgt von der Frage: „Wie geht’s dir denn so?“
Wobei letzteres lediglich eine rhetorische Frage ist. Ich zumindest käme in dieser Situation nicht auf die Idee mit etwas anderem als „Gut.“, zu antworten. Und viel mehr möchte man über den jeweils anderen eigentlich auch gar nicht erfahren – ich weiß das, weil ich der Höflichkeit halber die Frage zurückgebe.
Es entsteht eine peinliche Pause, so als wüsste man nicht, was man eigentlich miteinander anfangen soll und ich wünsche mir sehnlichst, ich wäre einfach schnell weitergelaufen, bis plötzlich der anderen Person eine weitere Frage einfällt.
„Was gibt’s denn so Neues bei dir?“
Deprimierender Weise muss ich feststellen, dass es eigentlich überhaupt nichts Neues in meinem Leben gibt. Es hat sich absolut nichts getan und so gern ich jetzt mit abenteuerlichen Geschichten aufwarten würde entschließe ich mich doch, bei der Wahrheit zu bleiben: „Och… nichts weiter.“
Mein Leben ist eben langweilig, ich muss mich mit dieser Tatsache wohl abfinden.
Aber die andere Person gibt noch nicht auf, denn mit einem Mal hat sie einen Geistesblitz: „Du bist doch in der 13, oder? Machst du nicht dieses Jahr Abi?“
Ich nicke. Und hoffe inständig, dass jetzt nicht die berüchtigte Frage kommt, auf die ich…
„Und – hast du dir schon überlegt, was du danach machst?“
Mein Hoffen war vergebens.
Ich gehöre nämlich zu den Leuten, die immer noch keine Ahnung haben, was sie denn später machen wollen.
Aber als ob es nicht schlimm genug wäre, das so zuzugeben, geben sich einige Menschen mit dieser Antwort nicht zufrieden. „Du musst das doch schon ungefähr wissen!“
Muss ich das wirklich?
Ist es nicht normal, dass man sehr lange zögert, bis man sich entscheidet wie man gegebenenfalls die nächsten 50 Jahre seines Lebens verbringen will?
Unabhängig davon, ob ich nun muss oder nicht – ich weiß es nicht und habe dementsprechend auch keine Antwort parat.
Nicht, dass es mir an Erfindungsreichtum mangeln würde.
Ich könnte mir sogar vorstellen, dass es Spaß macht, die absurdesten Zukunftsvorstellungen auszubreiten, zum Beispiel, dass ich eine Karriere als Millionärsgattin anstrebe oder den Beruf des Räuberhauptmanns ausüben möchte.
Ich sehe aber einfach nicht ein so viel Energie aufzuwenden für eine Frage, die doch eigentlich nur mich etwas angeht und bei der ich doch das Recht habe zu zweifeln und mir die Zeit zu nehmen, die ich brauche. Darf dann nicht auch mal ein „Ich weiß es nicht.“ als Antwort gelten?
Ganz davon abgesehen könnte ich mir vorstellen, dass selbst die absurdesten Theorien ernst genommen werden würden.
Letztens erst erklärte ich einer Bekannten, dass ich noch nicht genau wüsste, was ich später machen sollte, woraufhin sie mich mit großen Augen ansah und erwiderte: „Aber du singst doch in einer Band, oder?“
Ich war zu bestürzt um irgendetwas zu entgegnen.
Meine Unsicherheit wird nicht toleriert, aber der Traum von einer großen Karriere als Sängerin einer erfolgreichen Band wird als realistisch angesehen?
Verdrehte Welt.
Auf der einen Seite werden einem alle Illusionen geraubt im Bezug auf die Wahrscheinlichkeit Arbeit zu finden, auf der anderen Seite gibt man sich seinen Wunschvorstellungen hin, obwohl es doch nun sehr viel unwahrscheinlicher ist, dass man ein berühmter Künstler wird als einen Studienplatz im Bereich Medizin zu bekommen.
Vielleicht lautet hier ja die Devise: Wenn ich ohnehin keine Chance habe, warum sollte ich mich dann mit der Realität abfinden und nicht meinen Träumen hinterherjagen?
Wobei ich zu bezweifeln wage, dass ein Großteil meines Umfeldes die Sicherheit seines Alltags aufgeben würde.
Aber man möchte anderen dabei zusehen, wie sie ihre Wünsche verwirklichen. Wie in diesen zumeist seichten Filmen, bei denen die Hauptcharaktere zwar zunächst einen langen und steinigen Weg beschreiten müssen, doch am Ende löst sich alles in Wohlgefallen auf und euphorische Musik untermalt die Freude auf den strahlenden Gesichtern wenn sich alle umarmen und küssen.
Jene Filme, die einem ein gutes Gefühl geben und die Zuversicht, dass das Leben doch nicht so schlimm ist, wie man vielleicht denkt. Dass es auch besser sein kann.
Ich persönlich möchte nicht die Protagonistin eines solchen Filmes sein.
Auch mir ist Sicherheit wichtig. Und ja, vielleicht singe ich gerne und vielleicht bin ich gut, aber selbst wenn ich noch nicht so genau weiß was ich will, so weiß ich doch sehr genau, was ich nicht will und dazu gehört ohne geregeltes Einkommen auf der Straße zu stehen, auf meiner Gitarre zu spielen, mehr oder minder klägliche Laute von mir zu geben und in Erinnerungen zu schwelgen an die Zeit, in der ich noch optimistisch auf meine Laufbahn blicken konnte.
Nur manchmal erlaube ich mir, ein bisschen zu Träumen. Davon, jedweden Gedanken an Sicherheit außen vor zu lassen in dem Bestreben ein berühmter Künstler zu werden.
Dann wache ich wieder auf und versichere mir: Das wird nie geschehen.
Obgleich das nun voraussichtlich zu meinem Vorteil sein wird, so hinterlässt die Erkenntnis doch einen bitteren Nachgeschmack.
Und darum kann ich nicht verstehen, warum man es unterstützen kann, dass sich jemand seinen Illusionen hingibt.
Und darum kann ich nicht verstehen, warum man ein „Ich weiß es nicht“ nicht als solches akzeptieren kann.
Und darum schaue ich auf die Straße, wenn ich durch die Stadt laufe – denn dann muss ich mich darüber nicht ärgern und bin nicht dazu gezwungen meine eigenen Hoffnungen abermals zu enttäuschen.
Werde ich eben Räuberhauptmann.


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